Eines der besseren Seminare meiner Studienzeit war ein Kurs über Noir-Filme; während meiner Recherche für die dazugehörige Hausarbeit stieß ich wieiederholt auf Rezensionen eines meiner liebsten Kindheitsfilme – Death Wish. Die Rezensionen waren sich allesamt einig darüber, dass Death Wish reaktionärer Schrott ist; hierbei ist mir insbesondere die Rezension in Clarens Carlos Buch „Crime Movies“ in Erinnerung geblieben, die Death Wish eigntlich nur nutzte, um liberale Empörung über die atavistischen Motive der Hauptfigut zu äußern.
Und genau da liegt das Problem: Das Mögen oder nicht-Mögen von Death Wish entscheidet sich meistens mit der politischen Gesinnung des Zuschauers bzw. dessen Bereitschaft den Film ohne den Filter dieser Gesinnung zu schauen. Denn, wenn man Death Wish als politischen Film verstehen möchte, dann ist er äußerst reaktionär und misantroph – da ist Charles Bronson, der einen Haufen Schwarzer und Migranten zunächst aus Selbstschutz und später prophylaktisch über den Haufen schießt – ich als Migrant müsste es eigentlich unerträglich finden. Das Problem dabei ist auch, dass Death Wish den Vigilantismus dessen Hauptfigur überhaupt nicht problematisiert, oder zur Diskussion stellt. Jede Problematisierung, die so mancher imdb-User wahrgenommen zu haben glaubt, ist so implizit, dass sie genausogut als Wunschdenken eingestuft werden kann. Genau das empört so viele Intelektuelle an Death Wish, denke ich – es ist die Ablehnung des Diskurses. Selbst auf dieser Meta-Ebene macht Death Wish die eigene Botschaft deutlich: Die Zeit der Worte ist vorbei. Jetzt wird geschossen. Man kann den Trailer des Films als stellvertretend für diese Haltung nehmen:
(man beachte die Tapeten in Charles Bronsons Wohnung, sowie einen jungen Jeff Goldblum als Dope Fiend!)
Und trotzdem kann man Death Wish mögen.
Einer der Wege, zugang zu Death Wish zu finden und ihn zu genießen, ist ihn als historischen Film zu verstehen. Die 70er / 80er Jahre waren in Amerika im allgemeinen und in New York im besonderen eine Zeit offener, furchterregender Gewalt. Die amerikanische Bevölkerung war der Kriminalität wesentlich stärker ausgesetzt, als dies heute der Fall ist und ein lähmendes Gefühl des Ausgeliefert-Seins an die Gangs und den Mugger war zur täglichen Realität geworden. Death Wish sprach, genau so wie Bernhard Goetz’ Ermordung dreier Gang-Jugendlicher in der U-Bahn, dieses Gefühl der Hilflosigkeit an und wandelte die Passivität in einen bewaffneten, aggressiven Aktivismus. Man war nicht mehr ausgeleifert, man schoss endlich zurück – ich verweise hier auf einen anderen Blog-Artikel von mir, in dem ich etwas ausführlicher auf das Thema eingehe.
Und genau hier liegt die Größe und, ja, auch Schönheit von Death Wish: Dieser film ist ein Destillat der Idee des Trostes. Es ist kein morlaischer Film im ethischen Sinne, aber ein moralischer Film im Sinne der Kampfmoral. Es ist das schöne Jenseits, das einem die Qualen des Daseins erleichtern soll. Und Charles Bronson, mit seiner stoischen, unaufhaltsamen Gewalt, ist kein politisches Ereignis, kein sondern ein Erlöser aus der Angst, ein Tröster in der Not.
Übrigens: Falls man sehen will, was passiert, wenn Vigilantismus problematisiert wird, sollte man sich James Wans quasi-Remake Death Sentence anschauen. Die abschließende Annäherung des Rächers an die Täter bzw. deren Bestialität, symbolisch in den Ruinen der Zivilisation angesiedelt, empfinde ich als gar nicht so prätentiös und schlecht gelöst.